Essay AgrarHeute von Peter Laufmann:“Ganz Deutschland wird vegan: Was das für Landwirte bedeutet“
Sehr geehrter Herr Laufmann,
Ihr Essay vom 30. Juli 2025 wirft ein bezeichnendes Licht auf die aktuelle Debatte um Tierrechte, Veganismus und Landwirtschaft – allerdings weniger, weil er diese Debatte differenziert darstellen würde, sondern vielmehr, weil er ein Zerrbild zeichnet, das wenig mit der tatsächlichen ethischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu tun hat.
Nein, eine vegane Welt ist nicht das allein Seligmachende – aber unsere derzeitige Welt ist es auch nicht.
Wer meint, mit einem fiktiven Bauern Huber die Argumente einer ganzen Bewegung ad absurdum führen zu können, verkennt die Realität: Nicht Veganismus ist die Utopie – sondern der Glaube, wir könnten mit einem „Weiter so“ unsere Lebensgrundlagen erhalten.
Ihr Text ist letztlich kein Essay, sondern eine konstruierte Gegenreaktion auf die ethische Grundhaltung des Veganismus. Diese Haltung wird dabei auf ein unhaltbares Extrem reduziert: eine Welt ohne Tiere, ohne Bienen, ohne Apfelbäume – eine Welt, in der Tiere nicht einmal „wild“ existieren dürften, weil sie angeblich keine Funktion im menschlichen Leben mehr haben dürfen. Es ist das klassische Strohmann-Argument – und es lenkt vom eigentlichen Thema ab.
Veganismus ist keine technische Gebrauchsanweisung für den nächsten Tag, sondern eine ethische Orientierung, die auf einen schrittweisen gesellschaftlichen Wandel zielt. Eine vegane Gesellschaft würde Landwirtschaft, Stadtplanung, Landschaftspflege und Artenschutz neu denken – mit neuen Aufgaben, Technologien und Kooperationsformen. Es geht nicht darum, Tiere „abzuschaffen“, sondern darum, ihnen das Recht auf ein Leben um ihrer selbst willen zuzugestehen – unabhängig von ihrem Nutzen für den Menschen (Donaldson & Kymlicka, 2011).
Die gegenwärtige Landwirtschaft ist nicht nachhaltig. Sie basiert auf massiver Ausbeutung – von Tieren, Böden, Pflanzen und Menschen. Zahlreiche Studien zeigen: Die Tierhaltung trägt entscheidend zu mehreren planetaren Krisen bei – etwa Klimawandel, Artensterben, Überdüngung und Entwaldung (Steffen et al., 2015; IPBES, 2019; Springmann et al., 2018; Poore & Nemecek, 2018).
So kommen Springmann und Kolleg:innen (2018) zu dem Schluss, dass ein Verbleib des globalen Ernährungssystems innerhalb ökologischer Belastungsgrenzen nur dann möglich ist, wenn der Konsum tierischer Produkte drastisch reduziert wird. Der Weltklimarat (IPCC, 2022) zählt eine pflanzenbasierte Ernährung zu den wirksamsten Maßnahmen zur Minderung von Treibhausgasemissionen.
Auch das aktuelle Briefing des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Ernährungssicherheit in der EU (EPRS, 2025) kommt zu dem Schluss: Die Tierproduktion in Europa ist besonders anfällig für die Klimakrise – aufgrund von Hitzestress, abnehmender Futterqualität und ihrer starken Importabhängigkeit. Gleichzeitig erkennt das Papier ausdrücklich an, dass eine Reduktion tierischer Produktion und ein Wandel der Ernährung notwendig sind, um die Resilienz des europäischen Lebensmittelsystems zu sichern.
Warum also hält die Mehrheitsgesellschaft so verbissen am Status quo fest? Warum wird mit emotional aufgeladenen Gegenentwürfen gearbeitet, anstatt die drängenden ökologischen und ethischen Fragen ehrlich zu verhandeln?
Weil wir uns noch immer schwer damit tun, Veränderung zu denken – insbesondere, wenn sie systemisch ist. Ihr Essay zeigt diese Abwehrhaltung exemplarisch: Gegen Ethik. Gegen Wissenschaft. Gegen Zukunft.
Was wir brauchen, ist eine offene Debatte – faktenbasiert, zukunftsgewandt und verantwortungsvoll. Und ja: Wir brauchen Mut zum Wandel, Gerechtigkeit – und eine neue Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen.
Denn letztlich ist das nicht weniger als der Verfassungsauftrag gemäß Artikel 20a Grundgesetz, der uns verpflichtet, „auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“ zu schützen. Alle drei benannten Elemente – die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder, die Umwelt und der Umgang mit unseren Mitlebewesen – lassen sich nicht getrennt voneinander betrachten.
Dem ist auch der integrative Ansatz von One Health und One Welfare verpflichtet, der die Gesundheit und das Wohlergehen von Menschen, Tieren und Umwelt nicht getrennt, sondern als untrennbar miteinander verflochtene Systeme begreift.
One Health steht dabei für einen wissenschaftlich fundierten, sektorübergreifenden Ansatz, der anerkennt, dass menschliche Gesundheit nur im Zusammenspiel mit der Gesundheit von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen dauerhaft gesichert werden kann. Dies umfasst nicht nur Zoonoseprävention, sondern auch Fragen von Ernährungssouveränität, Umwelt- und Klimaschutz sowie sozialer Gerechtigkeit.
Diese integrativen Konzepte, wie sie auch in den Berlin Principles on One Health (2019) formuliert wurden, fordern eine Abkehr von einem reduktionistischen Gesundheitsverständnis, das sich lediglich auf die Abwehr von Infektionskrankheiten beschränkt. Stattdessen betonen sie die Notwendigkeit adaptiver, ganzheitlicher und präventiver Strategien, die Biodiversität, soziale Gerechtigkeit, Umweltintegrität und sektorübergreifende Zusammenarbeit gleichermaßen berücksichtigen. Kein Land, kein Sektor und keine Disziplin allein kann die ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Krisen unserer Zeit lösen – es braucht gemeinsames, wissenschaftsbasiertes und verantwortungsvolles Handeln.
One Welfare ergänzt diesen Ansatz, indem es die Wechselwirkungen zwischen dem Wohlergehen von Tieren, dem menschlichen Wohlbefinden und der ökologischen sowie sozialen Umwelt in den Fokus rückt. Tierleid wirkt sich nicht nur auf die betroffenen Individuen aus, sondern auch auf die psychische Gesundheit von Menschen, das gesellschaftliche Zusammenleben und die ökologische Stabilität.
Auch die deutsche Verfassung hat diese Verantwortung anerkannt: Mit der Aufnahme des Staatsziels Tierschutz im Jahr 2002 wurde dem Schutz der Tiere Verfassungsrang verliehen. Bereits damals betonte der Gesetzgeber die Verpflichtung zur Achtung der Tiere in ihrer Mitgeschöpflichkeit und zum Schutz vor nicht artgemäßer Haltung, vermeidbaren Leiden sowie der Zerstörung ihrer Lebensräume (Deutscher Bundestag, 2002).
Mit freundlichen Grüßen
Netzwerk Kräfte bündeln
Referenzen
Deutscher Bundestag (2002). BT-Drucksache 14/8860 vom 23.04.2002.https://dserver.bundestag.de/btd/14/088/1408860.pdf
Donaldson, S., & Kymlicka, W. (2011). Zoopolis: A Political Theory of Animal Rights. Oxford University Press.
EPRS – European Parliamentary Research Service (2025). Climate change impacts on food security in the European Union. PE 775.874. https://www.europarl.europa.eu/thinktank/en/document/EPRS_BRI(2025)775874
IPBES (2019). Global assessment report on biodiversity and ecosystem services. https://ipbes.net/global-assessment
IPCC (2022). Climate Change 2022: Mitigation of Climate Change. Working Group III Contribution to the Sixth Assessment Report. https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/
OHHLEP (o. D.). Definition von One Health. https://onehealthplatform.net/ueber-uns/ohhleps-definition-von-one-health
Poore, J., & Nemecek, T. (2018). Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science, 360(6392), 987–992. https://doi.org/10.1126/science.aaq0216
Springmann, M., Clark, M., Mason-D’Croz, D., Wiebe, K., Bodirsky, B. L., Lassaletta, L., … & Willett, W. (2018). Options for keeping the food system within environmental limits. Nature, 562(7728), 519–525. https://doi.org/10.1038/s41586-018-0594-0
Steffen, W., Richardson, K., Rockström, J., Cornell, S. E., Fetzer, I., Bennett, E. M., … & Sörlin, S. (2015). Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science, 347(6223), 1259855. https://doi.org/10.1126/science.1259855
Wildlife Conservation Society. (2019). The Berlin Principles on One Health: Bridging Global Health and Biodiversity Conservation. Retrieved from https://oneworldonehealth.wcs.org/About-Us/Mission/The-2019-Berlin-Principles-on-One-Health.aspx
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